Westöstlicher Diwan
Gamal al-Ghitani Gamal al-Ghitani
© Samuel Shimon

»Die Zeit und die Veränderungen, die sie mit sich bringt, die Brüchigkeit des Lebens. das Schicksal. die Vergänglichkeit – das sind zentrale Themen im erzählerischen Schaffen eines der bedeutendsten und produktivsten Prosaschriftsteller im zeitgenössischen Ägypten, Gamal al-Ghitani. Dass der Autor sich mit solchen Grundfragen menschlicher Existenz beschäftigt, legt schon seine Biographie nahe. Denn wie bei vielen anderen seiner Generation, die in der Hochzeit des Nasserismus heranwuchsen. hat es auch im Leben al-Ghitanis mehrere gewaltige Umbrüche gegeben. Die prägende Phase des eigenen Lebens fiel mit den entscheidenden Momenten der ägyptischen Nachkriegsgeschichte zusammen.«
Stephan Guth, »Authentisierung contra sadatsche Öffnungspolitik. Gamal al-Ghitani und Das Buch der Schicksale«, in: Arabische Literatur, postmodern, München 2004

»Ganz unterschiedlich, quer durch die Zeiten und in wechselnder Form. behandelt er sein Thema. wobei die Texte immer kürzer werden, bis nur noch drei Worte dastehen. So bildet sein Buch gleichsam selbst eine Pyramide. Die Mythen und Abenteuer rund um die Pyramiden werden intelligent und mitunter ironisch in den Geschichten aufgegriffen, etwa wenn al-Ghitani die Expedition einer Gruppe von sieben zu den legendären Grabkammern beschreibt. (...) In seinem Buch über die Pyramiden verbindet al-Ghitani Legenden und Massentourismus, Erzählen und Wissen. Reise-Impression und Poesie zu einem literarischen Kunststück. Eine poetische Expedition zu den berühmtesten und geheimnisvollsten Bauten der Welt von einem der wichtigsten arabischen Autoren. «
Präsentation des Verlags C.H. Beck zu »Die Pyramiden«

»›Seini Barakat‹ ist ein Roman über vielerlei. Es ist der Versuch einer Interpretation des Unterganges der Mamlukenherrschaft in Ägypten und ist gleichzeitig der Versuch einer umfassenden Kritik am ägyptischen System der Nasserzeit (1952-1970). Das Buch ist eine Darstellung vom Entstehen und Schwinden von Illusionen. sei es bei einzelnen oder bei der Bevölkerung insgesamt, und von der Zerstörung von Menschen im Getriebe politischer Machtkonstellationen. Es ist außerdem eine Schilderung des Auf-die-Füße-Fallens, von Menschen in Führungspositionen also, die jedweden Machtwechsel unbeschadet überstehen. Es ist schließlich eine Parabel für die alte Volksweisheit, wonach Wissen Macht ist. «
Nachwort aus »Seini Barakat«, im Lenos Verlag

Bibliografie (Werke auf deutsch, Auswahl)
»Pyramiden. Eine literarische Expedition«, übersetzt von Doris Kilias, C.H. Beck-Verlag, 2006
»Das Buch der Schicksale. Erzählungen«, übersetzt von Doris Kilias, C.H. Beck-Verlag, 2001
»Seini Barakat. Diener des Sultans. Freund des Volkes«, übersetzt von Hartmut Fähndrich, Lenos Verlag, Basel 1988 und 1996
»Der safranische Fluch«, übersetzt von Hartmut Fähndrich, Lenos Verlag, Basel 1991

Text in Anthologie »Zwischen Berlin und Beirut – west-östliche Geschichten«:
» Berliner Tage«, unveröffentlichter Text vom Aufenthalt 2006 in Deutschland, übersetzt von Doris Kilias

Gamal al-Ghitani
Gamal al-Ghitani wurde 1945 in Oberägypten geboren und wuchs in Kairo auf. Nach einer Ausbildung zum Teppichdesigner ist er seit 1969 als Journalist und Autor tätig. Er war mehrere Jahre Feuilletonchef der Tageszeitung al-Achbar und ist seit 1993 Herausgeber der Literaturzeitschrift Achbar al-adab. Daneben schuf er ein umfangreiches literarisches Werk.

Al-Ghitani gilt als einer der bedeutendsten ägyptischen Autoren der Gegenwart. Er ist einer der großen Erzähler Ägyptens, der sich wie kaum ein anderer mit der geschriebenen arabischen Erzähltradition beschäftigt hat, um diese für die Gegenwartsliteratur umzusetzen. Seine Geschichten erzählen von Kairo und seinen Einwohnern; das historische Kairo nutzt er als Folie für die Reflexion der Gegenwart der Stadt. In seinen Werken geht es dem Autor vor allem um die konkrete Darstellung der vielschichtigen Mechanismen von Machtkonzentration, Kontrolle und Unterdrückung, die zur Etablierung und Stärkung totalitärer, diktatorischer Regimes führen. Sein Roman »Seini Barakat. Diener des Sultans. Freund des Volkes« (1988/1996) zeigt dies beispielhaft: Vor dem Hintergrund eines historischen Ereignisses zu Beginn des 16. Jahrhunderts zeigt al-Ghitani das Muster, nach dem sich Diktaturen entwickeln – eine im mittelalterlichen Kairo spielende Parabel auf die Nasser-Ära.

Al-Ghitani war 18 Jahre alt, als er 1963 begann, Artikel und Kurzgeschichten in ägyptischen und libanesischen Zeitschriften zu veröffentlichen. Seine kritische Haltung gegenüber der Regierung Gamal Abd el-Nassers brachte ihn von Oktober 1966 bis März 1967 in ein Gefangenenlager. Nach seiner Freilassung wurde er Sekretär der Künstlergewerkschaft in Chan al-Chalili in Kairo.

Schließlich wechselte er das Fach und wurde 1969 Journalist bei der ägyptischen Tageszeitung »Akhbar al-Youm« (»Tagesnachrichten«). 1973 war er ihr Kriegskorrespondent an der israelisch-ägyptischen Front. Und besuchte außerdem Kriegsgebiete im Irak, im Iran und im Libanon. Einige Monate später war er schon ohne Arbeit: er wurde auf Veranlassung des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat entlassen.

Die Bedeutung al-Ghitanis für die ägyptische Literatur der Gegenwart wird deutlich in einem Text des Literaturwissenschaftlers M. Enani, der in der »Middle East Times« publiziert wurde: »Es mag voreilig sein, Gamal al-Ghitani als den Machfus des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen, aber er ist der offensichtliche Erbe des augenblicklichen Souveräns. Er hat nicht nur Machfus’ genaue Charakterzeichnung und Situationsbeschreibung übernommen, sondern auch diese Qualität, den Ton zu treffen und die Atmosphäre.«

Die enge Verbindung, die immer wieder zwischen den beiden Schriftstellern gezogen wird, rührt auch daher, dass Ghitani die Biografie seines Kollegen Machfus schrieb (1980 und 1987).

1980 wurde al-Ghitani mit dem Ägyptischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet.
1987 wurde ihm in Frankreich der »Chevalier de l’ordre des arts et de lettres« verliehen.

Zum Weiterlesen:
Adelbert Reif: »Schreiben trotz allem«, Interview mit Gamal al-Ghitani, aus: Al-Qantara Online-Magazin vom August 2002 (Pdf-Dokument, 28 K)
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Gamal Nkrumah: A scent of history – portrait of Gamal El-Ghitani, aus: Al-Ahram Weekly , 16th of March 2005 (Pdf-Dokument, 60 K)
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