Westöstlicher Diwan
Ingo Schulze Ingo Schulze
© Jürgen Bauer
»Schreiben ist ein enormes Abenteuer – wie Lesen. Wenn die Motive in Bewegung geraten und man im Dialog mit ihnen ihrem Lauf folgt, kann Schreiben wie Lesen sein. Und manchmal ist Lesen wie Schreiben, wenn man das Buch vor sich wie eine Partitur aufgeschlagen hat und den Motiven nachspürt und sie wie ein ganzes Orchester für sich zur Aufführung bringt.«
lngo Schulze, »Lesen und Schreiben«, in: Ute Christine Krupp und Ulrike Janssen (Hrsg.],
»Zuerst bin ich immer Leser. Prosa schreiben heute.«, Frankfurt am Main, 2002

»Rund 750 Seiten braucht lngo Schulze, um den Stoff den diese biographische und weltpolitische Zäsur bietet, aufzubereiten. Kein Abschnitt dieser anekdotenreichen und lebensprallen Geschichte ist langweilig. Zunächst wirkt Schulzes Prosa zwar ein bisschen spröde. Doch er schafft es von Brief zu Brief Spannung und einen großen epischen Bogen aufzubauen. (...) „Neue Leben“ steht in der Tradition des Künstlerromans und variiert den klassischen Konflikt zwischen Künstler und Bürgertum im DDR Ambiente.«
Jörg Magenau, In: die Tageszeitung, 19. Oktober 2005

»Denn der Schriftsteller lngo Schulze misstraut dem Sympathischen selbst und freut sich an der Erfindung uneindeutiger Charaktere. Im Bösen kennt er sich aus. Aber er setzt nicht Böse und Böse zusammen. lngo Schulze erweist sich in ›Neue Leben‹ als Meister des Mehrdeutigen. Das Böse und das Naive – an diesem Zusammenprall ist er interessiert. (...) Platte Kritik am alten Osten und neuen Westen wäre läppisch, solche Abrechnungen wurden längst geschrieben – ›postdissidentisch‹ – lngo Schulze schüttelt energisch den Kopf, das wollte er, das will er nicht. Er hintertreibt in seinem Schelmenroman das Eindeutige und die Käfer im lächerlichen Netzwerk der Macht kriechen mit kleinen Bewegungen aus den Löchern in ›Neue Leben‹.«
Verena Auffermann, in: Literaturen II 2005

»›Neue Leben‹ ist ein vergnügliches, kluges, unfassbares, ausführliches Buch über das Scheitern – über die Lächerlichkeit. Jämmerlichkeit, Sinnlosigkeit des Lebens in der DDR; die ›verwahrloste Intimität‹ im Theater, wo der Held von genialistischen Regisseuren kaum wahrgenommen, aber gnadenlos geduzt und umarmt wird; über das Niederzwingen eines maroden Systems mit schwerfälligen Parolen wie ›Neues Forum zulassen‹ und über die Scham, plötzlich in einer kapitalistischen Welt nach Anzeigenkunden jagen zu müssen.«
Wolfgang Höbel, in: Der Spiegel 41/2005

Bibliografie
»33 Augenblicke des Glücks«, Berlin-Verlag Berlin 1995
»Simple Storys«, Roman Berlin, Deutscher Taschenbuch Verlag München 1999
»Von Nasen, Faxen und Ariadenfäden«, Friedenauer Presse, Berlin 2000
»Mr. Neitherkom und das Schicksal«, Erzählung, Edition Mariannenpresse, Berlin 2002
»Neue Leben«, Die Jugend Enrico Türmers, Briefe+Prosa, Berlin-Verlag, Berlin 2005
»Handy – Dreizehn Geschichten in alter Manier«, Erzählungen, Berlin 2007

Text in Anthologie »Zwischen Berlin und Beirut – west-östliche Geschichten«:
»Zwischenfall in Kairo«, Auszug der gleichnamigen Kurzgeschichte aus: „Handy“, Berlin 2007

Ingo Schulze
Ingo Schulze wuchs nach der Scheidung der Eltern bei seiner Mutter auf. In Jena studierte er von 1983 bis 1988 Klassische Philologie. Anschließend war er bis 1990 als Dramaturg am Landestheater in Altenburg tätig. Nach der Wende gründete er das Altenburger Wochenblatt, das aber nach einigen Monaten wieder eingestellt wurde. Seinen Auslandsaufenthalt in St Petersburg im Jahr 1993 nutze er, um ein ähnliches Blatt zu unterstützen. Wenige Jahre später zieht es ihn nach New York. Das literarische Ergebnis ist sein erstes Erzählband 33 Augenblicke des Glücks. Mit Simple Stories erlebt Schulze 1998 seinen Durchbruch. Sein vielgelobtes Werk nahm nicht nur über mehrere Monate hinweg den ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste ein sondern erhielt auch wenige Monate später den Berliner Literaturpreis und wurde in 23 Sprachen übersetzt. Gemäß der Volksweisheit »Gut Ding will Weile haben« versetze Schulze seine Leserschaft sieben Jahre in Wartehaltung bevor er sie mit Neue Leben erlöste, einem 800 Seiten starken Schelmenroman in Briefform zur deutschen-deutschen Einigungsgeschichte – »über die Gedanken, Gefühle und Taten ostdeutscher Menschen kurz vor, während und nach dem Mauerfall.«
Seit Mitte der Neunzigerjahre lebt Ingo Schulze als freier Schriftsteller in Berlin.

Schulze erhielt mehrere Preise, u.a. 1995 den Alfred-Döblin-Förderpreis, den Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und den Aspekte-Literaturpreis, 1998 die Johannes-Bobrowski-Medaille zum Berliner Literaturpreis, 2001 den Joseph-Breitbach-Preis (gemeinsam mit Dieter Wellershoff und Thomas Hürlimann).

Zum Weiterlesen:
Torsten Hampel: »Ein Wolfshund und die Wirklichkeit«, Rezension zu Ingo Schulze »Neue Leben«, aus: Der Tagesspiegel vom 15. Oktober 2005